22 Oktober, 2026
Von Linda Pezzei

Warum Gerold
um 05:00 Uhr im
Wald sitzt
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HIRSCHBRUNFT IM TANNHEIMER TAL:

Während im Engel noch alles schläft, sitzt Gastgeber Gerold längst irgendwo im Wald. Die Hirschbrunft ist für ihn der Höhepunkt des Jahres. Was viele nicht wissen: Der Großteil seiner Arbeit im Revier beginnt lange davor. Und manchmal ist ein Morgen, an dem nichts passiert, ein besonders schöner. Was bisher geschah: Fünf Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Die Ausrüstung liegt seit dem Vorabend bereit, damit Gerold nicht noch früher aufstehen muss. Ein paar Handgriffe, dann geht es hinaus in die Dunkelheit. Meist gemeinsam mit einem der Jäger, die für den Engel arbeiten. Ziel ist ein Ansitz irgendwo im Wald. Was der Morgen bringen wird? Ungewiss. Für jemanden, der normalerweise einen Hotelbetrieb mit 8.150 Quadratmetern Spa, Mitarbeitern und Gästen im Blick hat, könnte der Kontrast kaum größer sein. Hier draußen gibt es keinen Terminplan und keine Garantie auf Ergebnisse. Dafür viel Ruhe, frische Luft und gelegentlich einen Hirsch. Seit 2016 geht Gerold auf die Jagd. Was mit seiner Begeisterung für die Natur begann, ist längst zu einer Aufgabe geworden, die ihn das ganze Jahr über beschäftigt. Drei Reviere mit zusammen 1.204 Hektar bewirtschaftet er mit seinem Team. Und die meiste Arbeit hat erstaunlich wenig mit dem zu tun, was man gemeinhin unter Jagd versteht.

Was bedeutet Hege eigentlich?

„Die hauptsächliche Aufgabe rund um die Jagd hat gar nichts mit Schießen zu tun. Das ist eher der geringste Teil“, sagt Gerold.

Die Hege

Das Gros der Arbeit gilt dem Lebensraum des Wildes. Auf Lichtungen werden hektarweise Wildwiesen angelegt und gepflegt. Sie schaffen zusätzliche Äsungsflächen – also Nahrung – möglichst dort, wo wenig Menschen vorbeikommen. Im Winter gehört auch die Fütterung des Rotwildes dazu. In Gerolds Gebiet wird Rotwild seit rund 70 bis 80 Jahren gefüttert. Früher verendeten in strengen Wintern viele Tiere, heute ist der natürliche Ausfall geringer. Gleichzeitig sind die Bestände höher. Deshalb gehört für den passionierten Jäger auch ihre Regulierung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Wald und Wild. Der Engel beschäftigt dafür zwei eigene Jäger, die einen großen Teil der Arbeit in den Revieren übernehmen. Schon im August beginnt die intensive Beobachtung: Wo steht das Rotwild? Wie bewegen sich die Rudel? Welche Tiere halten sich wo auf? Wer den Wald verstehen möchte, muss ihn schließlich zu jeder Jahreszeit kennen.

Die Hirschbrunft –
Die Weihnachtszeit für Jäger

Wann beginnt die
Hirschbrunft im
Tannheimer Tal?

Ungefähr zwischen dem 15. und 20. September. Für Gerold, wie er augenzwinkernd sagt, bedeutet das den Start in die „Weihnachtszeit für den Jäger“. Nach einem Sommer, den männliche und weibliche Tiere weitgehend in getrennten Rudeln verbringen, kommen sie nun an den Brunftplätzen zusammen. Die Hirsche lassen ihre tiefen Rufe hören, konkurrieren miteinander und tragen gelegentlich Kämpfe aus. Je nach Witterung reicht dieses Naturschauspiel bis in den Oktober. Für Gerold ist es der Höhepunkt des Jagdjahres. Auch weil der Herbstwald seinen ganz eigenen Reiz hat. Das Laub verfärbt sich, die Luft wird klarer und morgens liegt mitunter schon der erste Frost auf den Wiesen. Besonders gerne ist er im Gebiet der Seeben unterwegs, ungefähr zwischen Füssener Jöchle und Aggenstein. Dort steht auch eine Jagdhütte, in der er gelegentlich übernachtet. Nicht immer zur Jagd. Manchmal einfach mit seinem Nachwuchs, um draußen zu sein.

Tannheimer Tal

Wo kannst du die Hirschbrunft hören?

Wer im Herbst im Tannheimer Tal unterwegs ist, kann mit etwas Glück dem Röhren der Hirsche lauschen. Man muss ihnen dafür nicht in den Wald folgen – im Gegenteil. Ein guter Platz ist laut Gerold der Weg am Teamhaus vorbei in Richtung Haldensee. Im Bereich der Brücke sind die Rufe während der Brunftzeit besonders gut zu hören, ohne dem Wild zu nahe zu kommen. Sein Rat ist denkbar einfach: auf den Wegen bleiben, stehen bleiben und zuhören. Nicht den Rufen ins Gelände folgen, keine Abkürzung durchs Unterholz suchen. Denn Rotwild ist eigentlich tagaktiv. Dass es vielerorts erst in der Dämmerung oder nachts sichtbar wird, hängt auch damit zusammen, dass es menschlichen Aktivitäten ausweicht. Dass nicht jeder die Jagd befürwortet, ist Gerold bewusst. Gerade deshalb wünscht er sich, dass die Arbeit im Revier und ihre Hintergründe stärker wahrgenommen werden. „Ich kann verstehen, wenn jemand das ablehnt. Das ist dann einfach so, und das muss man akzeptieren. Ich würde mich aber freuen, wenn die Gegenseite auch akzeptiert, dass es Menschen gibt, die sich der ganzen Sache annehmen.“

The Grän Tour

Und was passiert beim Ansitz?

Oft erstaunlich wenig. Im Dunkeln verschafft sich Gerold zunächst mit der Wärmebildkamera einen Überblick. Dann heißt es warten. Auf das erste Tageslicht. Eine Bewegung zwischen den Bäumen. Vielleicht auf ein Tier. Oft auch vergeblich.
„Das Leben des Jägers ist von Warten erfüllt. Man sitzt viel öfter an, ohne dass etwas passiert. Aber das macht die Spannung.“ Gerold schätzt diese Stunden. Die Stille, das langsame Erwachen des Waldes, die Konzentration auf das, was um ihn herum geschieht. Geduld und Disziplin gehören für ihn ebenso dazu wie die Freude am Draußensein. Und wenn sich nach Stunden noch immer kein Hirsch gezeigt hat? Dann fällt die Bilanz manchmal denkbar trocken aus: „Heute schon wieder nichts.“
Klingt nach einem ziemlich guten Morgen.

Organic Spa ; )

Linda Pezzei | © Patrick Saringer

Autor

Linda Pezzei

Als Fachjournalistin für Architektur & Design hilft uns Linda mit ihren schönen Worten, unser Kopfchaos rund um unsere Baustellen auf einem Blatt Papier – oder vielmehr in unserem Blog – für euch zu verewigen. Sie findet die passenden Worte, wo sie uns fehlen.

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